Palermo, Stadt vieler Welten . . .

 

Die Stadt nimmt uns an ihrem zu früher Stunde zu neuem Leben erwachenden Hafen auf und zieht uns in ihren Bann, begeistert mit Widersprüchen und prallen Leben . . .

Glücklicherweise sind die Verkehrsadern zu dieser frühen Morgenstunde noch relativ unbelebt, ein paar überladene Apes, Autos mit Ramsch auf dem Dach, der vermutlich in wenigen Stunden an irgendeiner Ecke der Stadt als Ware feilgeboten wird, ein paar Frühaufsteher, meist graumelierte gut gebräunte ältere Herren, die ihren Espresso an der Hausbar einnehmen werden, die ersten Neuigkeiten lesend.
Das übliche Ritual der Parkplatzsuche beginnt, nachdem wir beschlossen haben, gleich mit der Erkundung der Stadt zu beginnen. Palermo, Hauptstadt Siziliens – können wir Eule einfach so stehen lassen? Da wo wir fündig werden, steht ein nicht eben gepflegt aussehender Mann und beobachtet uns – ob der nur wartet, bis wir verschwunden sind, um die Eule auszuräumen und den Inhalt ebenfalls an einer Straßenecke der Stadt als deutsche Qualitätsware zu verscherbeln?
Zugegeben, wir gehen noch einmal um den Block um nach diesem Mann zu sehen und bemerken schon auf diesem kurzen Gang, dass es von dieser Art Männer einige zu geben scheint – wir nennen sie „Steher“. Diese „Steher“, das verstehen wir aber erst geraume Zeit später, weisen, üblicherweise unter Gebrauch wilder Gesten, manchmal auch mit dem durchdringenden Lärm einer Trillerpfeife bewährt (was ihre Bedeutung geräuschvoll herausstreicht), ahnungslose Touristen in öffentliche Parkplätze ein, was selbstverständlich vergütet werden will.
Erst sind es nur leere mehrspurige Verkehrsadern flankiert von Prachtgebäuden der letzten Jahrhundertwende, deren Fassaden bröckeln und deren Ausstrahlung dennoch erhaben ist.


Und plötzlich ändert die Stadt die Schlagzahl, plötzlich spüren wir etwas von ihrer quirligen Lebendigkeit.
Kleine Gassen, in denen sich an Ständen Obst und Gemüse in leuchteten Farben auftürmt, Schwertfisch in Hälften, den Kopf nach oben verdreht, sodass sein Schwertmaul spitz in den Himmel zeigt, während das dunkle satte Fleisch dem Betrachter zugewandt ist.
Zucchinis lang und dünn wie Peitschen deren Haut glatt sind wie die der glänzenden knallroten Paprikas daneben.
Plötzlich, aus diesem Gewühl kommend, dessen Farbigkeit von dem ebenso bunten Stimmengewirr getragen schien, taucht vor uns eine weite Piazza auf, zur einen Seite hin vollständig begrenzt durch eine Kathedrale, an der jeder der vielen Machthaber aus vergangenen Epochen seinen Machtwillen in den steinernen Fassaden hinterlassen hat. Es sind die schlagartigen Brüche aus arabisch anmutenden Märkten, spanische prunkvollen Barock, normannischem Gestaltungswillen, die hier deutlich sichtbare Spuren hinterlassen haben und uns staunend zurücklassen.

Auch die Armut ist spürbar, die in den kleinen Gassen sichtbar wird. Die Gesichter wirken härter, die Blicke versteckter. Wäsche die auf Schnüren hängt, die zwischen den maroden Balkonen aufgespannt sind, bellende Hunde mit zerzaustem Fell und immer wieder Banner, die auf die Mafia verweisen, auf einen verzweifelten Kampf gegen diese tief verwurzelte Plage.
Wir betrachten das alles nur, den bröckelnden Putz können wir in das romantische Licht eines Besuchers tauchen, der die Stromausfälle nicht spürt, den überquellenden Müll in manchen Ecken der Stadt nur im Vorbeigehen riecht.
Immer wieder diese Banner, die an rostigen Balkongittern aus früheren Jahrhunderten hängen, auf denen Falcone zitiert wird, einer der geradesten Staatsanwälte Italiens, der sein Leben dem Kampf gegen die Mafia gewidmet hat und der sein Ende auf einem Teilstück einer Autobahn fand, den die Mafia gesprengt hat, um diesen Kämpfer loszuwerden.
Wir denken das mit bei unseren Gängen durch die Stadt und erleben offene, zutiefst freundliche Menschen, die jederzeit bereit sind uns zu helfen. Auch später im Land begegnet uns das überall – es ist, als wollten die Menschen zeigen, dass Sizilien nicht nur das ist, was man so oft fälschlicherweise mit ihm verbindet – Mafia und Korruption.
Im Supermarkt in unsrem Kiez (hier bezeichnet als jenes Viertel, in dem wir Eule geparkt haben), setzt uns das Angebot erneut in staunen, obwohl wir all diese üppigen Märkte gerade erst verlassen haben. An der Frischetheke ein bärtiger Mann mit lustig sprühendem Glanz im Blick, der Melodien trällernd in einer beachtlichen Geschwindigkeit feinsten Schinken in hauchdünne Scheiben schneidet, Käsestücke, groß wie Wagenräder portioniert und verpackt und für jeden Kunden einen netten Satz lautstark von sich gibt. Uns dreht er Mortadella zu rosenartigen Gebilden zusammen und ist beglückt über unsere Freude darüber. Für den Abend nehmen wir Involetti mit, sizilianische kleine Rouladen mit Käsefüllung – dank dieses Einkaufs wird die ohnehin als beinahe feudal zu bezeichnende Küche in der Osteria Eule zu einer Küche, für die Hauben angemessen wären (Danke Caty!!!)


Palermo war der Auftakt für eine Woche in Sizilien und was die Stadt an Eindrücken, Abwechslung und Staunen hervorgerufen hat, wurde von der Insel bisher täglich neu bestätigt.
Nach antiken Tempeln in Agrigent, dem barocken Städtchen Noro haben wir heute Syrakus erkundet das uns wiederum zurücklässt mit dem Eindruck, dass das, was diese Insel an Sehenswertem auf sich vereinigt beinahe schon als unverschämt gelten kann – und sie tut es glanzlos, unaufgeregt, mit sonnendurchwärmter Selbstverständlichkeit die zur Folge haben mag, dass dieser Reichtum an vielen Stellen achtlos verkommt.
Das so viel verkommt fällt jedoch kaum ins Gewicht, weil eben alles satt vorhanden ist – Sizilien kommt völlig ohne diese Westdeutsche Maschinerie aus, die nach der Wende über den Osten hinweggezogen ist und gelackte, strukturschwache, leblose Kleinode hinterlassen hat. Ein wenig davon stünde der Insel wohl an, doch diese Mängel verblassen in der Sonne und der Lebendigkeit wie ein leichtes Juken, bei dem nicht gekratzt werden kann.
Liebe Grüße heute aus Catania – wir entschwinden jetzt wieder in die Berge, der Etna türmt sich direkt vor uns auf und wir tun dies mit Gedanken an die lieben Kommentare von euch – Danke!

Caty und Knut

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